Will ich sie - oder will ich wie sie sein?
Shownotes
War ich in sie verliebt – oder wollte ich einfach nur so sein wie sie…? Diese Frage hat mich viele Jahre begleitet. Denn gerade als queere Frau verschwimmen die Grenzen manchmal: zwischen Bewunderung, Verliebtheit, Identifikation und dem Wunsch, selbst ein bisschen mehr wie die andere Person zu sein.
Ausgelöst durch den Film Teenage Sex & Death at Camp Miasma gehe ich in dieser Folge einer Frage nach, die viele queere Menschen vermutlich kennen: Warum fühlen sich Begehren und Bewunderung manchmal so ähnlich an?
Ich spreche über meine ersten Crushes, über das Konzept der "Compulsory Heterosexuality", über Identifikation mit fiktiven Figuren – und darüber, was Psychologie und Philosophie zu all dem zu sagen haben.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage nämlich gar nicht: „Will ich sie - oder will ich wie sie sein?“ Sondern: Was genau berührt mich an dieser Person?
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00:00:00: Herzlich Willkommen zu Frau Verliebtem Lesbischen Podcast.
00:00:03: und heute möchte ich auf einer Frage herumkauen und herum philosophieren, die glaube ich sehr viele von uns queeren Frauen kennen.
00:00:15: Und zwar diese verwirrte Frage nach will Ich sie oder will ich wie Sie sein?
00:00:24: Viel Spaß!
00:00:34: Ich habe mir vor kurzem dem Film Teenage Sex and Death at Camp Miasma angesehen.
00:00:41: Kurz einmal zum Inhalt, die Quere-Regisseurin Chris soll einen alten Slasher-Franchise wieder beleben und dafür sucht sie Billy auf – die Hauptdarstellerin oder das Final Girl des Originals.
00:00:54: Und zwischen den beiden bleibt es nicht nur professionell!
00:01:05: Also, während ich noch versucht habe zu verstehen was ich da eigentlich gerade gesehen habe bin ich an einem Gedanken hingeblieben.
00:01:14: Die Regisseurin Chris ist fasziniert von Billie – sie bewundert sie und sie begehrt sie auch!
00:01:22: Und sie sagt zu ihr dass sie auch das erleben möchte was Billie damals erlebt hat.
00:01:30: Dann hab' ich mich gefragt wo verläuft hier die Grenze?
00:01:35: zwischen Bewunderung, Begehren und Identifikation.
00:01:41: Und diese Frage ist mir nicht zum ersten Mal im Leben begegnet.
00:01:45: Tatsächlich glaube ich sie verfolgt mich schon die längste Zeit meines Lebens und ich vermute dass das auch vielen anderen queeren aber auch nicht queeren Menschen so geht.
00:01:58: Begeere ich diese Person oder wäre ich gerne diese Person?
00:02:06: Also, wie gesagt ich kenne diese Verwirrung schon sehr lange.
00:02:11: Ich erinnere mich da sich früher muss noch in der Kindergartenzeit gewesen sein großer Fan des RTL-Zwei-Animes.
00:02:20: eine fröhliche Familie war Eine Zeichentrickerzählung von Luisa May Elkotz Klassiker Little Women und ich fand Joe March einfach großartig!
00:02:36: Für mich als kleines Kind war das Verliebtheit.
00:02:42: Und es kommt mir auch rückwirkend ziemlich gut erkannt vor.
00:02:47: Gleichzeitig finde ich super spannend, wenn ich heute darauf zurückschaue und mir Joe als Charakter vorstelle – die Schriftstellerin, die gerne die jungen Rollen beim Theaterspielen übernommen hat… Das mutigste der Marchmädchen?
00:03:02: Dann war Joe glaube ich immer ein Vorbild für mich!
00:03:06: eine weibliche Figur, mit der ich mich besser als mit eben vielen anderen identifizieren konnte.
00:03:13: Und da kommen wir dann schon direkt wieder zu dem ganzen Dilemma der Frage.
00:03:18: in einem Gefühl von – nennen wir es mal Anziehung – liegen so viele verschiedene mögliche Ursprünge und gerade als Mensch, der sich zum Menschen derselben Geschlechts hingezogen fühlt kann so eine genaue Kategorisierung des Gefühls ganz schön kompliziert werden.
00:03:38: Denn wenn ich heute auf meinen ersten Crushes zurückblicke und sei das jetzt eine fiktive Figur wie Joe March oder dann diverse Pop-Singerinnen später, oder eben auch ein Mädchen aus der Stufe über mir... Dann war da egal, wie sehr es jetzt bewertet habe für mich Es war immer dasselbe Gefühl.
00:04:00: Ich wollte immer mehr von dieser Person, ich wollte mehr über sie erfahren.
00:04:05: Ich habe mich auf alles was ich von ihr kriegen konnte und war Zeit nur kurze Begegnungen auf dem Schulflur
00:04:11: gefreut.".
00:04:13: Was ist einfach Bewunderung?
00:04:15: Und was ist Verliebtheit?
00:04:18: Auch ein Beispiel aus meiner Kindheit – ich fand zum Beispiel Aaron Carter unglaublich cool!
00:04:25: War ja auch okay so als Mädchen einen Jungs supergul zu finden aber rückblickend glaube ich nicht, dass ich in ihm verknallt war.
00:04:32: Ich wollte sein wie er!
00:04:35: So ging es mir mit mehreren männlichen Celebrities im Verlauf.
00:04:38: Ich konnte eigentlich immer welche finden die ich irgendwie cool fand und sie waren für mich dann auch so willkommene kleine Beweise gegen auf kommende Zweifel ob ich Jungs überhaupt mochte Denn ich konnte ja immer sagen, naja aber wenn ich den gut finde dann finde ich ja offenbar auch Männer toll also bin ich bestimmt nicht lesbisch.
00:05:03: Also das war wie so ein willkommenes Hintertürchen weil Bewunderung und Begehren sind irgendwie nicht das gleiche und liegen trotzdem sehr nah beieinander.
00:05:12: Beides beginnt mit Faszination.
00:05:15: jemand zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich.
00:05:18: wir schauen diese Person gerne an sie inspiriert uns Und wir möchten mehr über sie erfahren und denken häufig an Sie.
00:05:27: Das ist ja erst mal keine Liebesgeschichte, es ist vor allem erstmal Aufmerksamkeit!
00:05:34: Die Frage ist nur wohin entwickelt sich diese Aufmerksamkeit?
00:05:41: Ich glaube auch gar nicht dass dieses Gefühl etwas Reinquires ist und nur in die eine Richtung funktioniert.
00:05:49: ich glaube das viele Menschen diesen Moment kennen wenn man jemanden unglaublich beeindruckend findet wo jetzt gerade hier die Grenzen verschwimmen.
00:05:58: Aber ich vermute auch, dass diese Verwirrung für queere Frauen häufiger vorkommen kann.
00:06:04: Warum?
00:06:06: Wenn ich mich als Frau zu einer anderen Frau hingezogen fühle ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, da sich mich auch mit ihr auf die eine oder andere Art vergleiche weil wir einfach ähnliche gesellschaftliche Erfahrungen teilen einfach weil zwei Frauen sind in dieser Welt aufgewachsen sind Und Frauen dürfen andere Frauen ganz selbstverständlich bewundern, ohne dass irgendjemand etwas Lesbisches dahinter vermutet.
00:06:36: Also wir dürfen sagen das eine Frau schön ist, was wir ihren Stil mögen, dass wir sie inspirierend finden.
00:06:44: Das ist gesellschaftlich zunächst nicht romantisch konnotiert und genau darin liegt eben auch so ein Hintertürchen, was für mich in meiner Phase, in der ich meine Sexualität noch geleugnet habe, sehr praktisch war.
00:06:59: Solange ich mir sagen konnte, ich finde sie einfach toll musste ich mich nicht fragen ob ich vielleicht verliebt war.
00:07:07: auch historisch lässt sich das gut nachverfolgen.
00:07:11: Frauen konnten Frauen lieben ohne dass das automatisch romantisch kapiert wurde.
00:07:17: es gab im neunzehnten und auch am zwanzigsten Jahrhundert so genannte Romantic Friendships.
00:07:23: Das waren sehr enge Beziehungen zwischen Frauen die sich oft in Inigen Briefen wiederfindet.
00:07:30: Es gab teilweise auch körperliche Nähe und lebenslange Bindung dabei, aber diese Beziehung wurden soweit akzeptiert wenn sie eben nicht ausdrücklich als sexuell verstanden wurden.
00:07:43: Und unter diesem Deckmantelchen konnten ganze lesbische Beziehungen jetzt zum Guten oder zum Schlechten unsichtbar bleiben Oder halt im Nachhinein als bloße Freundschaft umgedeutet werden.
00:07:55: Also die Trennung zwischen Begehren, Bewundern oder einfach sehr mögen war schon immer erstaunlich unscharf.
00:08:06: Aber auch in unseren heutigen einzelnen individuellen Köpfen besteht die Tendenz, die eigenen Empfindungen nach bestimmten Regeln einzusortieren.
00:08:18: Die Schriftstellerin Adrienne Rich beschreibt in ihrem berühmten Essay über die Compulsory Heterosexuality dass viele Frauen lernen, ihre Gefühle zunächst innerhalb des heterosexuellen Weltbildes zu deuten.
00:08:33: Wenn romantische Gefühlen für Frauen eben gar nicht als Möglichkeit im eigenen Kopf existieren liegt es nahe sie anders zu erklären zum Beispiel als Bewunderung oder als Fan sein oder als den Wunsch selbst mehr wie diese Person zu sein.
00:08:51: und ich glaube das passiert gerade vielen queeren Frauen.
00:08:54: auch Beim Nachdenken über dieses Thema habe ich noch was bemerkt und zwar, dass die Frage vielleicht gar nicht lautet will ich sie oder will ich sein wie Sie?
00:09:05: Sondern Was genau zieht mich an ihr an?
00:09:10: denn da gibt es noch mehr als eben nur Bewunderung oder eben romantisches oder sexuelles Begehren.
00:09:16: Da ist auch noch die Sache mit der Identifikation und Ich glaube das ist etwas was oft in freundschaftlichen Beziehungen zur Verwirrung führen kann.
00:09:25: Ich zumindest erinnere mich, dass ich schon mal in anfänglichen neuen Freundschaften die einfach auf ganz viel Sympathie und einem Gefühl von oh mein Gott sie denkt und fühlt so wie ich basierten verwirrt über diese Zuneigung war.
00:09:42: Wenn ich jetzt darüber nachdenke dann basiert sie wohl auch einfach auf dem Gefühl mich wieder zu erkennen in einem anderen Menschen.
00:09:51: Dass uns dieses Gefühl von Ähnlichkeit anzieht ist auch ziemlich gut untersucht.
00:09:57: In der Psychologie spricht man von similarity attraction effect.
00:10:02: Wir mögen Menschen tendenziell mehr, wenn wir das Gefühl haben dass sie uns ähnlich sind.
00:10:08: Entscheidend ist dabei jetzt nicht objektive Ähnlichkeit Aber es reicht Wenn man das Gefühl hat Du denkst wie ich!
00:10:16: Du fühlst wie Ich.
00:10:17: du verstehst etwas was ich verstehe.
00:10:23: Identifikation muss nicht mal heißen, du bist genauso wie ich.
00:10:27: In der Psychologie gibt es das Konzept der Possible-Selves.
00:10:31: Vorstellung davon wer wir sein könnten gerne wehren oder gerade nicht werden möchten.
00:10:38: also auch so können Menschen eine enorme Anziehungskraft entwickeln denn sie zeigen uns mögliche Versionen von uns selbst.
00:10:47: Und das kenne ich zum Beispiel eben auch gerade mit fiktiven Figuren.
00:10:51: Ich schreibe ja auch Fiktion, ich beschäftige mich ziemlich viel mit fektiven Figur und eben auch so als persönliches Beispiel.
00:10:59: Ich liebe ja Glinda aus Wicked wie ihr vielleicht aus meiner Folge zu der Verfilmung schon wisst und ich glaube dass liegt daran da sich alte Anteile von mir in dieser Figur wiedererkennen diesen Wunsch, lieber allen Erwartungen zu ersprechen als zu den eigenen Gefühlen zu stehen.
00:11:19: Und deshalb fühle ich mich ihr unglaublich verbunden.
00:11:22: Möchte ich glinda sein?
00:11:24: Nein!
00:11:25: Ich glaube manchmal eher... ...ich würde sie gerne retten und vor den Fehlern bewahren die sie so
00:11:29: begeht.".
00:11:31: Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat sich intensiv mit dem Thema Begehren beschäftigt und ihm zufolge ist die ganze Sache halt noch komplexer und komplizierter.
00:11:42: Einer seiner berühmtesten Gedanken lautet, das Begehren ist das Begehren des anderen.
00:11:49: Und was genau damit gemeint ist?
00:11:51: Darüber streiten sich die Philosophinnen dieser Welt glaube ich bis heute.
00:11:57: vereinfacht gesagt geht L'accord davon aus dass Begehre niemals völlig unabhängig entsteht.
00:12:05: es wird von Sprache Kultur Familie und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt Und somit ist Begehren nie nur ein einfaches, spontanes.
00:12:16: Ich will das haben oder eben auf unser Thema bezogen ich will sie haben.
00:12:23: Was mich zu dem Gedanken bringt geht es bei Anziehung ob nun Begehre oder Bewunderung wirklich um die andere Person?
00:12:34: Oder geht's vielleicht auch um etwas in uns selbst um was auch immer uns individuell eben dazu bringt jemanden als anziehend zu empfinden.
00:12:45: Um unsere Sehnsüchte, um Anerkennung Freiheit oder vielleicht den Wunsch ein bestimmtes Leben zu führen.
00:12:55: und damit kommen wir zu meinem abschließenden Gedanken zu alledem.
00:13:00: Vielleicht kann es auch einfach mehreres gleichzeitig sein wie in Camp Miasma Was wirklich ein schräger Film ist, aber da steckt viel drin und eben auch diese interessante Gedanke.
00:13:16: Bei Chris und Billy verschwimmen die Grenzen total.
00:13:20: Chris ist Fan, Chris begehrt Billy, aber sie möchte auch ein Stück weit Billy sein!
00:13:26: Vielleicht muss man diese Gefühle auch gar nicht immer so sauber voneinander trennen?
00:13:31: Und das hilft jetzt im ersten Moment vielleicht nicht, wenn man vor den verwirrten Gefühlen steht und sich eine eindeutige Antwort wünscht.
00:13:40: Aber es kann auch befreiend sein – wenn man zulässt – dass es sein kann, dass du sie sowohl begehrst als auch gerne wie sie wärst!
00:13:50: Menschen dürfen gleichzeitig Vorbilder, Sehnsuchtsfiguren, Spiegel, Crushes- und Identifikationsfiguren sein Und vielleicht macht genau das queeres Begehren manchmal so verwirrend, aber eben auch so spannend.
00:14:11: Kennt ihr das?
00:14:12: Ich würde gerne eure Beispiele hören, schreibt mir per Mail oder auf Instagram, folgt mir auf TikTok auch gerne und lasst mich wissen was ihr zu dieser Frage denkt!
00:14:26: Bis dahin ganz viel Liebe und bis bald.
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